Warum die Bleischürze beim Röntgen verschwindet

Wer heute beim Zahnarzt geröntgt wird und keine Bleischürze mehr umgehängt bekommt, erlebt keinen Nachlässigkeitsskandal — sondern gelebte Wissenschaft. Internationale und Schweizer Fachgesellschaften empfehlen inzwischen, auf Patientenschutzmittel wie die Bleischürze weitgehend zu verzichten. Was zunächst paradox klingt, hat handfeste Gründe.
Warum die Schürze weniger bringt als gedacht
- Moderne Geräte blenden präzise ein. Der Nutzstrahl trifft heute nur noch das Zielgebiet — beim Zahnröntgen also den Kiefer. Organe ausserhalb dieses Bereichs bekommen fast nichts ab.
- Die relevante Streustrahlung entsteht im Körper. Der kleine Rest an Strahlung, der andere Organe erreicht, wird grösstenteils im Körperinneren gestreut — auf diesem Weg von innen kann eine aussen aufliegende Schürze nichts abschirmen.
- Die Schürze kann sogar schaden. Ragt sie ins Bild, muss die Aufnahme wiederholt werden — mit doppelter Dosis. Bei Geräten mit Belichtungsautomatik kann eine falsch platzierte Abschirmung die Automatik zudem veranlassen, die Dosis hochzuregeln.
Die amerikanische Medizinphysiker-Vereinigung AAPM hat diese Argumente 2019 in einem viel beachteten Positionspapier zusammengefasst; in der Schweiz haben die Zahnärztegesellschaft SSO und die Fachgesellschaft SGDMFR 2023 in einer gemeinsamen Stellungnahme nachgezogen, ebenso Fachpublikationen in Deutschland (zm 2024).
Heisst das: gar kein Schutz mehr?
Nicht ganz. Entscheidend bleibt der Schutz, der wirklich wirkt: eine gerechtfertigte Aufnahme, ein möglichst kleines Bildfeld und korrekte Einstellungen — also weniger Strahlung erzeugen statt sie hinterher abzufangen. Bei Kindern wird nach dem «Image Gently»-Prinzip besonders zurückhaltend geröntgt. Und wo eine Abschirmung im Einzelfall sinnvoll ist, etwa die Schilddrüse bei bestimmten Aufnahmen sehr junger Patientinnen und Patienten, kann sie weiterhin eingesetzt werden — das entscheidet die Praxis nach aktuellen Empfehlungen.
Was du als Patientin oder Patient mitnehmen kannst
Wenn dir keine Schürze angeboten wird, arbeitet deine Praxis wahrscheinlich nach dem aktuellen Stand der Empfehlungen — nicht dagegen. Die sinnvollere Frage als «Wo ist die Schürze?» lautet: «Wofür brauchen wir diese Aufnahme?» Mehr dazu im Beitrag Röntgen beim Zahnarzt: Wie viel Strahlung ist das wirklich?
Quellen
- AAPM: FAQ zur patientennahen Abschirmung (CARES, PDF)
- zm 2024: Mehr Patientenschutz durch Weglassen der Patientenschutzmittel?
- Image Gently: Strahlenschutz bei Kindern in der Zahnmedizin